Auszug aus "Draugr"

historischer Roman (auf Verlagssuche)

 

Ein leises Geräusch drang durch den Schleier aus Schlaf in sein Bewusstsein. Anfangs kaum zu vernehmen, dann immer deutlicher. Gemurmel. Nein, Worte. Jemand stand an seinem Lager und flüsterte leise seinen Namen.
„Irwin!“
Er öffnete die Augen und blinzelte schlaftrunken. Es dauerte einen Moment, bis die Wirklichkeit seine Sinne erreichte. Das Herdfeuer war heruntergebrannt und tauchte das Innere des Langhauses in Dunkelheit. Nur ein paar Torfstücke glommen noch in der Mitte des Raumes und die Steine der Feuerstelle gaben ihre letzte Wärme in den Wohnraum ab. Alles schien wie immer. Der Wind strich um die Häuser, draußen hinter dem Wall konnte er die Brandung hören, wie sie gleichmäßig rauschend auf den Strand rollte. Regen prasselte auf das Reetdach. Die ersten Herbststürme des Jahres hatten es an manchen Stellen undicht werden lassen und Irwin lauschte dem Plätschern, mit dem das Regenwasser in die aufgestellten Holzschalen tropfte. Das Vieh schlief in seinen Boxen, die Hunde hatten sich gegen die Kälte neben der Feuerstelle zusammengerollt. Einer von ihnen träumte leise wimmernd, seine Pfoten scharrten über den festgestampften Lehmboden. Das gleichmäßige Schnarchen seines Vaters drang an Irwins Ohr und keine zwei Schritte von seinem Lager entfernt hörte er den ruhigen Atem seines Bruders. Gewohnte Geräusche der Nacht. Hatte er geträumt? Schon wollte er sich wieder umdrehen, da tauchte direkt vor seinem Gesicht eine Gestalt aus den Schatten. Blitzschnell beugte sie sich über ihn und dürre, knorrige Finger packten ihn an der Schulter. Mit einem kurzen Aufschrei wollte er sich losreißen und stieß dabei hart mit dem Kopf an die Wand hinter sich. Sterne tanzten vor seinen Augen. Er stöhnte vor Schmerz.
„Sei still, du Nichtsnutz“, zischte eine Stimme. Die dünnen Finger gruben sich wie Krallen in sein Fleisch und eine zweite Hand legte sich schwer auf seinen Mund. Der Gestank von Pferdekot und Fisch raubte ihm plötzlich den Atem.
„Du machst einen Lärm, dass selbst die Toten aufwachen! Los, komm mit!“
Die fremden Hände gaben ihn frei, ließen ihn nach Luft schnappen. Langsam löste sich der Schreck aus Irwins Gliedern und der pochende Schmerz in seinem Kopf verebbte. Erst jetzt erkannte er die Seherin. Irgendwie war Alveradis an den Hunden vorbei gekommen und stand an seinem Lager. Immer wieder schaute sie sich nach den Schlafenden im Raum um. Keine Bewegung auf den Lagern verriet, dass jemand ihren nächtlichen Besuch mitbekommen hätte. Gleichmäßig hoben und senkten sich die Felle, unter denen Irwins Familie fest schlief. Müde rieb er sich die Augen.
„Was soll das? Warum dringst du mitten in der Nacht hier ein und packst mich, dass mir fast mein Herz stehen bleibt?“
Er war ungehalten über den Schreck, den die verrückte Alte ihm versetzt hatte. Zudem stank sie aufdringlich.
„Nicht so laut, Junge!“ Wieder drückte sie ihm ihre eklige, knochige Hand auf den Mund. Angespannt lauschte sie in die Dunkelheit. Irgendetwas schien sie zu beunruhigen, denn so fahrig hatte er die Alte noch nie gesehen.
„Wir müssen uns eilen“, sagte sie. „Los, zieh deinen Mantel über. Es weht ein arger Wind um die Gehöfte.“
Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Doch Irwin machte keine Anstalten, ihr zu folgen.
„Was soll ich draußen, wo einen um diese Zeit die Trolle holen? Geh und störe einen anderen, du verrückte Vettel, aber lass mir meine Ruhe.“
Mürrisch wandte er sich ab, um weiterzuschlafen, doch Alveradis ließ ihn nicht. Ein drittes Mal krallten sich ihre Finger schmerzhaft in seinen Arm.
Er ist hier!“, flüsterte sie.
Irwin riss die Augen auf.

Draußen wehte tatsächlich ein eisiger Wind und Thor schickte ihnen den Regen wie Bindfäden auf die Erde. Von überall schienen die Tropfen zu kommen, kalt warfen sie sich gegen Gesicht und Hände. Der Nachthimmel war von dicken Wolken verhangen, nur ab und zu blickte der Vollmond silbrig hinter ihren Rändern hervor und beschien die Reet gedeckten Dächer der Häuser. Die Siedlung schlief und so bemerkte keiner die zwei geheimnisvollen Gestalten, die in ihre Umhänge aus dunklem Leinen gehüllt im Schatten von Gehöft zu Gehöft schlichen. Obwohl sie sich stets im Schutz der Flechtzäune und Hauswände hielten, war Irwins Kleidung vom Regen innerhalb kürzester Zeit durchweicht. Alles an ihm war klamm und feucht. Bald fror er erbärmlich und verfluchte innerlich das Wetter und die verrückte Alveradis, die ihn hinaus in die Nacht zerrte. Vor allem aber zürnte er sich selbst, weil er nachgegeben hatte und mit ihr gegangen war. Seinen Schild in der Linken, seine Frame fest umklammert in der Rechten, folgte er Alveradis nun durch das Dorf. An jeder Hausecke hielten sie kurz inne, kauerten sich in den Schatten einer Wand oder suchten Deckung hinter einem der Pfähle, auf denen die Vorratschuppen zum Schutz vor Witterung und Ungeziefer errichtet waren. Alveradis bewegte sich sehr behände und mit einer Geschicklichkeit, die Irwin mit großem Staunen beobachtete. Während seine Schritte im matschigen Untergrund saftig schmatzten, und er jedes Mal fürchtete, das halbe Dorf zu wecken, schaffte sie es irgendwie, sich fast lautlos fortzubewegen. Bei jedem Halt spähte sie vorsichtig nach allen Seiten, bevor sie weiter schlich. Wie ein Hund reckte sie immer wieder die Nase in den Wind und sog tief die Luft ein, gerade so als könne sie erschnüffeln, wohin sie sich wenden musste. Irwin wunderte sich über die runzlige Alte, die so gebrechlich wirkte und dabei doch so sicher in der Dunkelheit ihren Weg fand. Er selbst konnte außer den groben Umrissen der Häuser kaum etwas erkennen und mehr als einmal wäre er wohl gestolpert und in einer der Trinkwassermulden ertrunken, hätte er Alveradis nicht als voraus schauenden Führer gehabt. Sie bewegten sich auf den östlichen Rand des Dorfes zu, und mit jedem Haus, das sie passierten, wuchs Irwins Anspannung. Er ist hier! Die geflüsterten Worte der Alten dröhnten immer noch in seinem Kopf. Grässliche Bilder von Radolfs entstelltem Leichnam drängten aus seiner Erinnerung empor. Wie sie ihn in seinem Boot gefunden hatten, mit gebrochenen Knochen aufrecht in seinem eigenen Blut sitzend, die starren Augen voller Entsetzen aufgerissen. Die Opferpfähle, die im Boot gestanden hatten, Radolfs Haut wie ein gegerbtes Fell darauf gespannt. Irwin schauderte. Die winzigen Nadelstiche, die der kalte Regen auf seinem Gesicht hinterließ, schmerzten und er spürte, wie seine Finger langsam steif wurden. Der Wind war stärker geworden und blies ihnen hart entgegen, so als wolle er sie warnen, keinen Schritt weiterzugehen. Die Nacht gehört den Geschöpfen der Dunkelheit, dachte Irwin unbehaglich, besonders bei so einem Wetter. In der Ferne hörte er Donnergrollen. Thor war wütend. Instinktiv berührte er sein Amulett und griff den Holzspeer fester. Die innere Anspannung war zur Unruhe gewachsen. Seine Brust fühlte sich an, als hielten die Klauen eines Aufhockers sie fest umklammert und pressten alle Luft aus ihm. Sein Herz schlug wie wild, sodass Irwin fürchtete, es könne zerspringen. Nervös schaute er über seine Schulter. Hoffentlich scheuen die Nachtgeister dieses Wetter genauso wie wir Menschen, dachte er. Der dichte Regen und das fahle Mondlicht, das an manchen Stellen spärlich durch die Wolken brach, legten einen unheimlichen Schleier über die vertraute Umgebung. Das Unbehagen narrte Irwins Sinne. In jedem Schatten wähnte er eine Bewegung, jeder Schemen wurde zur schrecklichen Fratze, die ihn aus der Dunkelheit heraus beobachtete. Die Angst ist ein schlechter Weggefährte, hatte sein Vater zu ihm gesagt. Missmutig gab Irwin ihm Recht. Nur mit Mühe schaffte er es, das Grauen niederzukämpfen, das ihn beschlich. Wer oder was auch immer Radolf auf so schreckliche Weise gerichtet hatte, trieb nun hier im Dorf sein Unwesen. Und wenn Er tatsächlich die Bestie war, würde er wieder töten. Da war es besser, er trat der Kreatur mit Frame und Schild entgegen, als im Schlaf von ihr gemeuchelt zu werden. Grimmig musste er schnauben. Er würde auf die eine, wie auf die andere Weise den sicheren Tod finden.

 
"Erzähltheater" Erzähltheater