Auszug aus der Kurzgeschichte "BEDROHUNGEN"
Veröffentlichung für die Solothurner Literaturtage, 2007
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Ein Geräusch riss ihn aus seinem Halbschlaf. Er schreckte hoch und lauschte in die mondlose Nacht. Sie waren wieder da! Dort, am Rande der Lichtung, auf der er lagerte, lauerten sie im Unterholz. Obwohl er sie weder sehen noch hören konnte, wusste er genau, dass sie ganz nah waren.
Er spürte, wie sie in der Dunkelheit um ihn herum schlichen, auf Beute aus. Hungrig nach frischem Fleisch. Er fühlte, wie sie ihre kalten Blicke auf ihn gerichtet hatten. Abschätzend. Lauernd. Keine seiner Bewegungen entging ihnen. Er konnte ihnen nicht entkommen. Sie wussten das. Ob sie auch wussten, dass er es gar nicht mehr vorhatte?
Aus den Augenwinkeln nahm er eine huschende Bewegung war. Alarmiert drehte er sich um und spähte in die Dunkelheit. Nichts. Hinter ihm knackte es im Dickicht. Wieder fuhr er herum, doch keiner seiner Angreifer ließ sich blicken. Sie spielten mit ihm. Warteten auf einen Fehler von ihm, ihre Chance.
Warum hatte sein Hund nicht angeschlagen? Die Tiere seiner Herde wurden unruhig, drängten sich immer dichter zusammen und stampften nervös mit den Hufen. Die Lämmer meckerten ängstlich nach ihren Müttern. Auch sie hatten die dunklen Schatten bemerkt, die seit Tagen der Herde folgten. Heute würde es passieren. Das spürte er.
Unauffällig griff er nach seinem Stock. Er hatte genug von ihren Spielchen, wollte nicht mehr Beute sein. Plötzlich raschelte es im Dickicht neben ihm. Etwas war da. Vorsichtig schlich er zu der Stelle hin, seinen schweren Schäferstab wie eine Waffe in beiden Händen fest umklammert. Wieder ein Rascheln. Hinter ihm blökten seine Tiere verängstigt, als wollten sie ihn warnen. Er ging weiter. Kurz vor dem Gebüsch tauchte auf dem Boden plötzlich ein dunkler Schatten auf.
Erschrocken riss er seinen Stab hoch, doch der Schatten rührte sich nicht. Etwas lag dort. Langsam ließ er den Stab sinken. Eine düstere Vorahnung beschlich ihn. Vorsichtig trat er näher, bis er den Schatten genau erkennen konnte.
Entsetzen packte ihn, Trauer und Wut ließen ihn aufschreien. Vor ihm im Gras lag sein toter Hund, das Maul noch blutig, die Augen im Todeskampf weit aufgerissen. Sie hatten ihn regelrecht zerfleischt. Weinend nahm er seinen toten Gefährten in den Schoss und streichelte über das blutnasse Fell. Panisches Blöken der Schafe ließ ihn aufschrecken. Das Rudel griff an. Der Sturm hatte begonnen!
Überall aus dem Dickicht schossen die sehnigen Körper der Wölfe auf die Lichtung und fuhren wie tödliche Blitze zwischen die Schafe. Reißend. Mordend. Die Schafe hatten keine Chance. Gerade wollte er seiner Herde zu Hilfe eilen, als ein riesiger Wolf ohne Vorwarnung hinter ihm aus dem Unterholz brach und sich auf ihn stürzte. Er wurde zu Boden gerissen und konnte gerade noch seinen Stab schützend vor seinen Kopf heben, bevor die messerscharfen Fangzähne der Bestie sich in seinen Hals gruben.
Der Wolf lag auf ihm, schnappte nach seinem Gesicht und verbiss sich immer wieder im Schäferstab. Scharfe Klauen bohrten sich seine Schulter, zerschnitten Sehnen und Muskeln. Schäumender Geifer tropfte ihm entgegen und der beißende Gestank von faulem Fleisch und Blut raubte ihm schier den Atem. Der Wolf würde ihn töten, wenn er jetzt Schwäche zeigte.
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